Schnee

Von Christa Maria Buß

Schnee. Sie hätte so gern Schnee gehabt.
Viel Schnee. Schnee, der lautlos aber unablässig fiel – am besten so hoch bis unters Dach. Wenn Schnee fiel, war die Welt immer irgendwie in Ordnung. Der Wetterbericht hatte Schnee prophezeit, und alle freuten sich, weil es nur noch wenige Tage bis Weihnachten waren.
Aber wann hatte der Wetterbericht schon mal recht?
Und Weihnachten konnte ihr in diesem Jahr gestohlen bleiben.
Antonia seufzte. Ja, wenn Schnee fiele, dann wäre die Straße zu ihrem Hof herauf unbefahrbar, denn dieser Weg war immer der letzte, der geräumt wurde. Und dieses eine Mal hätte Antonia davon auch mal einen Vorteil gehabt.
»Wir kommen heute Nachmittag vorbei«, hatte Jens am Telefon gesagt. »Glaub mir, es wird gut werden. Mein …«
Antonia hatte aufgelegt.
Gut werden. Antonia schnaubte. Was sollte daran gut sein, wenn Jens hier mit diesem Investor auftauchte, der ihren Hof anschauen wollte und der daraus weiß der Himmel was machen wollte. Eine Raststation für knarrend alte Wanderer etwa. Oder, noch schlimmer: Eine Unterkunft für Feriengäste mit verzogenen Kindern und Helikoptereltern.
Ihr letztes Gespräch mit Jens in der Bank war so gar nicht gut verlaufen. Absolut nicht.
»Antonia«, seine Stimme hatte diesen geduldigen Unterton gehabt, den sie schon immer an Jens gehasst hatte. »Selbst du musst einsehen, dass deine Finanzen im Keller sind. Seit Alfred nicht mehr da ist, musst du alles alleine machen. Bei aller Liebe, aber das übersteigt sogar deinen Ehrgeiz. Überleg es dir doch, ich hätte da eine Idee, die dir …«
»Überlegen? Was gibt es da zu überlegen? Ich will nicht verkaufen, ich will …« Ja, was wollte sie eigentlich? Ihren Hof behalten. Die Frage war, wie. Und weil sie darauf keine Antwort gehabt hatte, war sie so abrupt aufgestanden, dass der Stuhl hinter ihr umgekippt war. Beide, Jens und sie, hatten sich danach gebückt und waren dabei mit ihren Köpfen zusammengestoßen.
»Das ist ja wie in alten Zeiten«, hatte Jens gewitzelt und sich den Kopf gerieben. Dabei hatte er gegrinst und sie angesehen. Mit seinen blauen Augen, die Antonia schon immer verwirrt hatten. Seit sie sich kannten – also praktisch seit dem Kindergarten – waren es die Augen von Jens, die sie kopflos werden ließen. Deshalb hatte sie heftiger als gewollt geantwortet: »Stimmt. Und wie immer haben wir sie uns gehörig angestoßen. Tschüss, Jens.« Mit diesen Worten war sie rausgestürmt und hatte bis heute Morgen nichts mehr von ihm gehört.
Und jetzt wollte Jens hier mit diesem Kerl auftauchen, der bestimmt einer der Geschäftspartner seiner Familie war. Seine Familie war stinkreich, beinahe jeder hatte einen akademischen Titel. Es wimmelte in dieser Sippe nur so von Ärzten und Managern. Sogar ein Tierarzt war neuerdings dabei, was nicht ganz zum Ruf der Familie passte, aber Arzt ist Arzt. Bestimmt war es einer der unzähligen Cousins von Jens. Antonia konnte sich nur an einen von ihnen erinnern: Hugo, ein pickliger Junge mit leichtem Übergewicht und Angst vor Spinnen. Der liebe Kerl war ihr immer hinterhergelaufen und hatte sie angehimmelt.
Und nun fiel immer noch kein Schnee.
Antonia strich Benno, ihrem alten Hirtenhund, über den Kopf. Bennos braune Augen lächelten sie an. Seine grau gewordene Schnauze rieb sich an ihrer Hand.
»Tja, Benno, wann haben wir schon mal Glück?«
Antonia verließ den Stall, in dem ihre drei Kühe Lisa, Lotte und Braune, gemächlich Heu aus den Krippen rupften. Antonia wusste, dass alle drei ihr mit liebem Blick hinterher sahen, weil ihre Kühe einfach nicht anders konnten.
Die Luft war kalt, ihr Atem stand frostig vor ihrem Gesicht. Antonia konnte nicht widerstehen, hob ihre Nase und schnupperte. Welcher Idiot hatte gesagt, dass man kommenden Schnee riechen konnte? Sie jedenfalls roch nichts.
»Komm, mein Schatz, es hilft wohl alles nichts«, seufzte sie zu Benno hinab und überquerte den Hof. Seit ihr Vater Alfred im Sommer gestorben war, hatte es sich Antonia zur Aufgabe gemacht, das Ganze in Schuss zu halten. Mit Hilfe von Jens und Tim, dem Jungen aus der Nachbarschaft. Sie hatte Forst.- und Landwirtschaft studiert und große Pläne gehabt. Zusammen mit Alfred. Doch dann war er an einer dummen Lungenentzündung gestorben. Viel zu früh – in jeder erdenklichen Hinsicht.
Die Trauer blieb allgegenwärtig, und wenn sie sich so umsah, hatte sie das wehmütige Gefühl, dass das alles schon nicht mehr ihr gehören würde. Der Stall, in dem neben den lieben Kühen auch Motte, das Schaf, stand. Motte war trächtig und Antonia hatte Sorgen, weil das Schaf schon so dick war. Das konnte natürlich auch am Winterfell liegen. Aber Motte hatte sich den ganzen Sommer herumgetrieben, weiß der Himmel, wann und von wem sie trächtig geworden war. Dann waren da noch die Henne Gudrun und ihre Schar Hühner, die sich im hinteren Teil des Stalles bei den Obstkisten niedergelassen hatten. Eier legten die Hühner kaum, es war Winter und die Hühner waren alt. Trotzdem. Das leise Gackern der Schar, das unablässige Scharren und Murren vermengte sich mit den Geräuschen des Stalles zu einem wohligen Geraune. Einem, das Antonia immer wieder bestätigte, dass sie hier zu Hause war. Heimat. Und jetzt wollte Jens ihr einen Mann anbringen, der auf keinen Fall Gutes im Sinn haben konnte. Davon war Antonia fest überzeugt.
Sie wollte sich gerade vor der Küchentür die Gummistiefel von den Füßen stolpern, als sie das Auto hörte.
»So ein verdammter Mist!«, stieß sie hervor und verfluchte sich selbst, weil sie nicht schnell genug im Haus gewesen war. Sie hätte sich ja tot stellen können.
So aber zog sie wieder an den Schäften der Stiefel, packte ihre Jacke dichter um sich herum und verschränkte die Arme. Stocksteif blieb sie im Hof stehen.
Das Auto von Jens war ein gediegener Volvo. Klar doch, ein sicheres Auto, wie könnte es anders sein?
Jens winkte hinter dem Lenkrad hervor und lächelte Antonia beruhigend an. Aber Antonia hatte keine Augen für Jens, nein, vielmehr interessierte sie der Mann, der auf dem Beifahrersitz saß.
Oh je, dachte sie. Das ist ja noch schlimmer als befürchtet. Ein wohlgenährter Manager, der offensichtlich noch nie Dreck unter den Fingernägeln gehabt hatte. Wie konnte Jens ihr das nur antun?
Jens stieg aus und wurde von Benno freudig begrüßt.
»Hey, mein Alter«, er wuselte Benno liebevoll durchs dichte Winterfell. »Schon eine Weile her, was mein Braver?«
»Ja, geh nur, du mieser Verräter«, flüsterte Antonia Benno hinterher. Sie ging auf die beiden Männer zu. Der Beifahrer hatte Probleme, sich bei seiner Leibesfülle aus dem Auto zu hieven. Dann jedoch, mit einem befreiten Seufzen, stand er da und sah sich um.
»Wer ist das?«, zischte Antonia Jens statt einer Begrüßung an. »Der Kerl sieht aus wie der Weihnachtsmann – nur ohne Rauschebart.«
Jens lachte. »Wenn man es genau nimmt, ist das tatsächlich der Weihnachtsmann, Antonia.« Er winkte den beleibten Mann zu sich heran.
»Antonia, das ist Hugo. Du wirst dich an ihn erinnern. Er ist mit uns auf der gleichen Schule gewesen.«
»Hallo … Hugo«, hustete Antonia und versuchte, den Mann mit ihrer Erinnerung in Einklang zu bringen.
»Hallo, Antonia, Mensch, toll siehst du aus.« Hugo bot ihr seine riesige Hand, die Antonia überraschenderweise warm und trocken fand.
»Wir haben uns ja ewig nicht gesehen«, strahlte Hugo. »Aber ich habe immer an deine roten Locken gedacht, das kannst du mir glauben.«
»Hast du das?« Antonia war perplex.
»Sicher. Wenn Jens mir damals nicht klar gemacht hätte – und ich betone, er war dabei keineswegs zimperlich – dass er ein Auge auf dich geworfen hat, wäre ich nicht so zurückhaltend gewesen. Mein Wort darauf.«
»Gut, dass du das jetzt erwähnt hast, Hugo«, Jens sah seinen Cousin vernichtend an. »Damit können wir das abhaken und zum wirklichen Grund kommen, weshalb wir hier sind.«
Hugo ging jedoch nicht auf die Worte von Jens ein. »Nimms ihm nicht übel, Antonia. Aber Jens ist immer noch in dich verschossen.« Hugo lachte freundlich und schuftig zugleich.
»Hugo, halt doch einfach deinen Mund!« Jens hatte Mühe, eine gelassene Miene an den Tag zu legen. Er drehte sich demonstrativ um. »Verdammt, es ist kalt und mir friert hier gleich der Hintern ab. Du wolltest dir doch alles ansehen, also steh hier nicht rum und erzähl Geschichten.«
»Stimmt! Da war ja was.« Hugo zwinkerte Antonia zu und begann, sich im Kreis zu drehen. Sah zur Scheune, dann hinüber zur Weide, dann zurück zum Haus. Ging zum abgeräumten Gemüsegarten, linste um die Ecke und kam wieder zurück. »Sieht prima aus, genau wie damals. So auf den ersten Blick. Antonia, da hast du ein schönes Anwesen. Macht bestimmt viel Arbeit, jede Wette.« Hugos Anerkennung war ehrlich und Antonia konnte ihre trotzige Haltung nicht mehr aufrechterhalten.
»Und was willst du aus diesem Anwesen machen? Ich warne dich, wenn du daraus …«
Aus dem Stall drang in diesem Moment ein jämmerliches, langgezogenes Mäh.
»Du hast Schafe?«, fragte Hugo erstaunt und machte sich ohne Umschweife auf den Weg zum Stall.
»Als ob du erkennen würdest, ob dort ein Schaf blökt oder ein Esel schreit.« Antonia folgte Hugo eilig.
Im Stall schien alles ruhig. Gudrun und ihre Hühner scharrten und gurrten selbstvergessen. Die Kühe standen weiter an ihren Plätzen und glotzten gemächlich kauend hinüber zu Motte, als ob dem Schaf in diesem Moment Hörner gewachsen wären.
»Sieh an, ein Schaf.«
»Du hast das ganz alleine erkannt?«
»Sicher. Und trächtig ist es auch noch.«
»Du wirst mir immer unheimlicher, Hugo.« Antonia öffnete die Box, in der Motte getrieben auf und ab lief. Das Schaf blökte heiser.
»Sie bekommt ihr Lamm«, stellte Hugo von der Tür aus fest.
»Aber dafür ist es noch viel zu früh.« Antonia bückte sich zu Motte hinab und strich ihr über den Rücken und den Kopf. »Hugo, Jens, bei aller Liebe, aber lasst mich hier machen.«
»Du solltest Hugo helfen lassen«, kam es von Jens, der Benno am Halsband zurückhielt.
»Ja, sicher …« Weiter kam Antonia nicht. Motte legte sich hin, stand wieder auf, lief herum und blökte.
»Jens, geh rüber ins Haus. Hol Handtücher und eine kleine Flasche.« Hugo hatte sich die Jacke ausgezogen und streifte seine Hemdsärmel nach oben.
»Und heißes Wasser?«, fragte Jens.
»Warum heißes Wasser?« Hugo begriff nicht.
»Na, das wird doch immer bei einer Geburt gebraucht.«
»Doch nicht hier, du Esel.« Hugo scheuchte Jens davon.
»Hugo, was soll das jetzt?« Antonia beobachtete Motte, die sich jetzt wieder seitlich hinlegte, das obere Hinterbein ausgestreckt. Das Schaf schnaufte schwer.
»Es kommt!« Antonia ging auf die Knie, Hugo sank neben ihr ins Stroh.
»Die Klauen sind schon zu sehen, das Kleine hats aber eilig.« Hugo legte Antonia die Hand auf den Arm. »Wir sollten das Schaf machen lassen. Das alte Mädchen kann das sehr gut alleine.« Damit zog er Antonia hoch und zurück zur Boxentür.
Von dort beobachteten sie, wie Motte ihr Lamm zur Welt brachte. Noch zwei drei Wehen, dann glitt das Kleine ins Stroh. Nass, ein kleines weißes Bündel.
»Hier, die Handtücher.« Jens reichte Hugo die Tücher. »Eine Flasche habe ich keine gefunden in der Eile.«
»Macht nichts, das Kleine ist kräftig«, sagte Hugo und ging langsam zu Motte, die gerade anfing, ihr Lamm abzulecken. Hugo beugte sich hinab und fuhr dem neu geborenen Schaf mit dem Tuch kurz über den Kopf.
»So, jetzt, mein Kleines, jetzt kannst du atmen.« Er sah sich das kleine Schaf von allen Seiten an, dann strich er Motte über die Wolle. »Gut gemacht, meine Schöne. Da hast du aber ein hübsches Winterschaf.«
»Ein Winterschaf?«, fragte Antonia.
Hugo scheuchte Antonia und Jens mit der Hand von der Tür weg und schloss die Box.
»Ja, ein Winterschaf. Gibt es selten, aber ja. Gut, dass es hier drin so warm ist, das Kleine wird durchkommen. So wie ich dich kenne, Antonia, wirst du ihm bestimmt einen Namen geben. Dann kann ich es rufen, wenn ich ab und an danach sehe.«
»Warum willst du nach meinem Schaf sehen, Hugo?« Wie kurios ist das denn, dachte Antonia.
»Hat Jens es dir nicht gesagt?« Hugo drehte sich zu Jens um.
Jens schüttelte den Kopf. »Nein, mir blieb keine Zeit. Antonia hat zu schnell wieder aufgelegt.«
Beide Männer sahen Antonia mit hochgezogenen Brauen an. Sie zuckte nur mit den Schultern.
»Na, wie auch immer.« Hugo legte seine Arme auf das obere Brett der Tür und sah nach dem Lamm, das sich jetzt trocken und wollig im Stroh regte.
»Wie willst du es nennen?«, fragte Jens.
»Wieso seid ihr so erpicht auf einen Namen für das Schäfchen?« Antonia spürte, dass die beiden Männer hinter ihrem Rücken einen belustigten Blick wechselten. »Was?«
»Antonia, du hast doch schon immer allem einen Namen gegeben. Jedem Huhn, jedem Kalb, sogar der Apfelbaum am Ende der Straße hatte einen Namen.« Hugo gluckste.
»Stimmt!« Jens grinste schadenfroh. »Der Baum hieß Heimdall.«
Hugo lachte. »Richtig! Heimdall, der Wächter. Ich fands großartig!«
»Na ja«, Antonia verdrehte die Augen, ihre Wangen glühten. »Da hatte ich wohl meine nordische Phase.« Zur Ablenkung sah sie liebevoll hinab zu dem kleinen Schaf, das staksig die ersten Schritte seines Lebens tat.
»Was ist es denn? Junge oder Mädchen?«, fragte sie.
»Es ist ein kleiner Widder.« Hugo rollte sich die Hemdsärmel wieder herunter.
»Dann nenne ich ihn Pan.«.
Jens stieß erleichtert die Luft aus. »Gott sei Dank! Ich hatte befürchtet, du nennst das Kleine Rudolf.«
»Rudolf ist ein Rentier, kein Schaf! Was denkst du dir?« Antonia war tastsächlich entrüstet.
»Na ja«, Jens machte eine wegwerfende Geste. »Bei dir ist mit allem zu rechnen. Ich sage nur: Heimdall.«
»Und eine Katze namens Micky gabs auch mal – benannt nach der Maus«, stellte Hugo trocken fest.
»Micky war …« Antonia verschränkte ihre Arme. »Ach egal. Sag mir lieber mal, woher du weißt, dass Pan ein Widder ist und warum ausgerechnet du nach ihm sehen willst. Ich kann mich erinnern, dass ich dem wimmernden Hugo mal eine Spinne aus den Haaren ziehen musste.«
»Ich dachte schon, du fragst mich nie.« Hugo hielt kurz inne und sammelte sich. »Ich möchte hier – mit dir zusammen, wohlgemerkt – eine Klinik aufbauen.«
»Eine Klinik?«
»Sicher, eine Tierklinik. Und eine Station, wo traumatisierte oder alte Tiere Aufnahme finden. Ich bin Tierarzt.« Hugo sah ihr in die Augen. »Eine Tatsache, die Jens dir wohl nicht erzählt hat. Worüber redet ihr eigentlich?«
»Du bist der Tierarzt?«, fragte Antonia überrascht. »Das hat Jens mir tatsächlich nicht erzählt.«
»Weil du gleich aus der Bank rausgelaufen bist, als würde ich deine Seele kaufen wollen. Sollte ich es dir vielleicht über die Straße hinterherschreien?« Jens schüttelte den Kopf.
»Wie auch immer«, Hugo trat einen Schritt nach vorne. »Antonia, hilfst du mir dabei? Du bringst den Ort und die Gebäude, damit kann ich nichts anfangen, wie wohl jeder weiß. Ich bringe das Wissen – und etwas Geld, denn ohne gehts wohl nicht.« Hugo legte die Hände auf den Rücken und wippte auf den Fußsohlen.
»Nun sei nicht so selbstgefällig, du Mistkerl. Die Idee kam schließlich von mir.« Jens versetzte Hugo einen Schlag auf den Oberarm.
Antonia sah von einem zum anderen. »Ich weiß jetzt gerade nicht, was ich sagen soll.« Sie schluckte, grinste, das Grinsen wurde bitter und verlief.
Weihnachten.
Dieses Wort stieg in ihr empor wie eine Luftblase im Wasser. Das war ihr ganz eigenes, persönliches Weihnachten. Sie konnte den Hof behalten. Wenn nur Alfred das noch erlebt hätte. Antonia sah zu Boden.
Was für ein … Geschenk.
»Kaffee?«, schnaufte sie schließlich und konnte den Männern, vor allem Jens, nicht in die Augen sehen. Verstohlen wischte sie sich über ihr Gesicht.
»Aber immer!« Hugo wandte sich schon zur Stalltür. »Seht mal, es schneit«, rief er zurück.
Antonia trat nach draußen und blinzelte nach oben. Ja, es schneite. Kräftig und herrlich, mit einer Vehemenz, die so schnell nicht wieder nachlassen würde. Der Hof war bereits mit einer dünnen Schicht Weiß bedeckt. Bennos Pfotenspuren waren zu sehen, auch die der Katze Emma, deren Abdrücke sich wie eine Perlenschnur über den Boden zogen.
Jens trat neben Antonia und zupfte ihr eine Schneeflocke aus den Haaren. »Willst du?«
Antonia sah in das Blau seiner Augen. Etwas, das sie bis jetzt erfolgreich vermieden hatte. Beide lächelten und Antonia erinnerte sich, dass Jens ihr immer die erste Schneeflocke hingehalten hatte, damit sie sie in den Mund nehmen konnte.
Bevor sie darüber nachdachte, leckte sie die geschmolzene Flocke von seiner Hand.
»Wenn man euch beide so ansieht …« Hugo grinste und folgte Benno durch das heitere Schneegestöber.
»Ach, halt deinen Mund, Hugo«, stöhnten Antonia und Jens gleichzeitig.
»Ja, klar. Aber jetzt lasst uns Kaffee trinken, bevor wir hier eingeschneit werden. Ich kann mich erinnern, dass die Straße hierher nie geräumt worden ist.« Er warf einen Schneeball für den Hund.
»Was hältst du von ihm?«, fragte Jens und sah Hugos aufrechtem Rücken hinterher.
»Von Hugo? Er ist prima.«
»Dann gefällt dir die Idee?«
Antonia erkannte, wie brennend Jens auf ihre Antwort wartete.
»Ja, Jens. Einfach perfekt.«
»Gut.« Er nahm Antonias Hand und zog sie hinter sich her. »Aber sei gewiss, ich werde weiter ein Auge auf dich haben.«
»Ja, bitte tu das.«
»Das habe ich schon immer getan, Antonia. Weißt du das denn nicht?« Er drehte sich zu ihr um.
Antonia stand da. Zwischen den wirbelnden, sanften Schneeflocken, und lächelte Jens an. Der Wetterbericht hatte also doch recht gehabt. Schnee, bald so hoch bis unters Dach.
Wenn Schnee fiel, war die Welt immer irgendwie in Ordnung.