Hardland rüstet zur letzten Schlacht. Das Haus der Tam, Rouvens Widersacher, stehen mit dem Rücken zur Wand. Rouven sieht sich am Ziel seines Bestrebens, Hardland unter seiner Herrschaft zu vereinen. Aber er hat in seinem Zorn die Götter herausgefordert. Er wird zu einem Pakt gezwungen, bei dem er alles wieder verlieren kann. Sogar sein Leben.Rylaar Rabenfreund, sein Sohn, muss sich entscheiden. Das Haus der Tam ist das Haus seiner Mutter. Folgt er seinem unbekannten Vater, der ihn gesucht und beseitigen wollte, oder schließt er sich der Familie seiner Mutter an. Nicht zuletzt muss er darum kämpfen, von seinen Magien nicht überwältigt zu werden. Das würde nicht nur ihn ins Verderben stürzen.
Soora Sonnentod, eine Gesegnete des schwarzen Feuers, erfährt von ihrem Schicksal. Schon von Geburt an ist es vorherbestimmt: Sie soll einen Gott töten.
Rouven Hardlicht – Blau ist Band 1 der Anthologie der Gesegneten.
Band 2 ist Kaaleb Nachtfar – Grün, und Band 3 Josha Schneelicht – Weiß
Ihr wollt mehr über Hardland, seine Einwohner, Götter, die verschiedenen Farben der Magien und die Kreaturen erfahren? In der Enzyklopädie der Gesegneten erfahrt ihr alles!
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Leseprobe
»Wann brechen wir auf?« Roona, meine Schwester, trat vor mich.
»Aufbrechen?« Ich nahm ihr das Hemd aus der Hand und streifte es mir über, stopfte es in die Hose. »Es ist noch zu früh, um nach oben auf den Krallenturm zu gehen.« Sie reichte mir das Wams. »Und überhaupt, warum bist du nicht bei den Frauen?«
Roona setzte sich auf das Bett und wippte mit den Füßen. »Frauenzeug!«, schnaubte sie, und ich verbarg mein Lächeln, indem ich mich umdrehte und mir das Wams sorgfältig überzog.
Es herrschte etwas Unordnung in meinem Gemach, weil Siljan mir mittlerweile drei verschiedene Wämser und Hosen gereicht hatte, Silas aber mit jedem der Aufzüge nicht einverstanden war. Erst das, welches Roona mir ausgesucht hatte, fand seine Zustimmung. Wolkengrau, die Stickereien darauf wie zarter Schnee, am Halsausschnitt wie leichte, flusige Federn.
»So kannst du gehen, mein Freund.« Siljan trat einen Schritt zurück und betrachtete mich zufrieden mit geneigtem Kopf. »Kriia wird sich freuen, glaub mir. Auch wenn du sie nicht verdient hast.«
»Vielen Dank auch.« Sacht strich ich über die feinen Fäden, weil Kriia es war, die dieses Wams genäht und die Nadel mit Sorgfalt geführt hatte.
Silas, sein Bruder, gluckste und drückte mir auffordernd Stiefel in die Hand. »Mo wird dabei sein, nicht wahr?«
»Sicher, mein Freund, ohne Mo kann die Feier meiner Bindung nicht stattfinden, das weißt du doch, oder?«
Silas grinste, strich Mo, seiner Katze aus Leder, die er auf dem Arm trug, liebevoll über den speckigen Rücken. Er wandte sich ab, flüsterte mit ihr, trat ans Fenster und hielt nach Ayyk Ausschau. War zufrieden und glücklich, weil für ihn alles in bester Ordnung war.
»Das meinte ich nicht.« Roona stand auf. »Wir müssen reden, Josha. Dringend!«
Ich kratzte mir am Kopf. »Muss es unbedingt heute sein Roona? Du weißt …«
»Josha, bitte, du musst mir zuhören! Den ganzen Winter …«
Roona trat nah an mich heran. Das helle Rot ihrer Augen war wie das Glühen in einer Esse, das gerade vom Blasebalg angestachelt worden war. Hell, heiß und von klarster Reinheit. Roona Reinfeuer. Ignis Purus.
»Bitte.« Roona legte vorsichtig eine Hand auf meinen Arm und sah mich eindringlich an. Ihre Lippen bebten, ihre Augen waren weit. Während des Winters hatte ich meine Schwester näher kennengelernt. Roonas Wesen war von einer ernsten Bedächtigkeit, einem Ruhen im Feuer, das sie trug. Und auch wenn unsere Segnungen sich in keiner Weise glichen, so waren sich unsere Seelen auf unserer Seite, der Halle der Gesegneten, nah gekommen. Die Dringlichkeit, mit der Roona mich ansah, ließ mich aufhorchen.
»Also gut.« Ich setzte mich auf den Bettrand und zog sie mit. Roona blieb vor mir stehen, jetzt auf Augenhöhe. »Was ist so dringend?«
»Wir müssen aufbrechen.«
»Das hast du schon gesagt. Aber lass mich das hier heute noch erledigen, dann bin ich ganz dein.« Ich lächelte, doch mein Lächeln wurde von Roona nicht erwidert.
Sie runzelte die Stirn, ein Auflodern in ihren Augen. Sie zog ihre Hände zurück. »Simion Schwarzfeuer. Der Feldzug, der ansteht. Wir können nicht hierbleiben!«
Ich fuhr hoch. »Oh, nein, Roona. Ich habe dir schon mal gesagt, dass ich und mein Haus Ayyk sich nicht am Feldzug beteiligen werden. Wenn Rouven denkt, er kann so weitermachen, so herrisch und …«
Meine Stimme brach, mein Herz schlug schneller. Ich wollte mein Haus, das gerade mal wenige Momente im Lauf der Zeiten bestand, aus allem heraushalten. Aus den Intrigen und Scharmützeln, die in Worten und Taten ganz Hardland erschütterten. Die Winterwende und alles, was in Hornfeste geschehen war, hatte mich bis in die Seele aufgewühlt. Rithas Tod, den sie in meinem Eis gefunden hatte. Noch heute träumte ich vom Ausdruck der Ernüchterung und der saglosen Entmutigung, die auf ewig auf ihrem Gesicht eingefroren sein werden.
»Es geht nicht um den König. Es geht um Soora.« Roona verschränkte die Arme.
»Soora?« Ich verstand nicht. Soora war tot, so leid es mir tat. Roona hatte ihre Zwillingsschwester bisher nie erwähnt, es musste mehr dahinter stecken. »Wovon sprichst du?«
»Soora lebt.« Roona verzog das Gesicht. »Zumindest … wenn ich Eynwor Glauben schenken kann. Aber ich habe keinen Grund, es nicht zu tun. Und außerdem …«
Die Tür wurde geöffnet, Bullwaiss, unser Vater, füllte den ganzen Türrahmen. Die immense Wucht seiner Erscheinung machte die Luft dichter und heißer. Mein Finger fuhr unter den Halsausschnitt des Wamses, das mir plötzlich zu eng schien.
»Außerdem was?« Bullwaiss tiefer Bass verdichtete seine Präsenz noch. Er kam näher, grüßte Silas im Vorbeigehen, strich über Mos Kopf, und nickte Siljan zu. Roona wandte sich verärgert schnaubend ab.
»Josha, mein Sohn.« Er legte mir seine mächtigen Hände auf die Schultern. »Kriia ist ein Prachtmädchen! Es ist mir eine Freude …« Seine Stimme brach und dann zog er mich unnachgiebig an seine Brust. Seine Rechte in meinem Genick, die andere Hand strich mir über den Rücken. Sein heißer Duft stieg mir in die Nase, nach Äpfeln und etwas rauchig.
»Danke, Vater.« Mit Mühe löste ich mich aus seiner schraubstockartigen Umarmung. Lächelte zu ihm hinauf. Er war trotz meiner Segnung und der Vereinigung mit Ayyk immer noch größer. »Es ist nur schade, dass Viina nicht hier ist.«
Bullwaiss schnalzte mit der Zunge. Trat einen Schritt zurück. »Sicher. Es wird sie freuen, wenn sie es hört.« Damit trat er zur Anrichte und goss sich Wasser ein, trank.
»Wenn ihr schon mal beide das seid …« Roona richtete sich auf, schüttelte das offene Haar, weil nur Kriias heute gebunden werden würde. »Vater, Josha, hört mir jetzt genau zu!«
Bullwaiss drehte sich um, die Arme verschränkt, den Becher in der Hand. Er runzelte die Stirn, wartete ab. Seine Hellsicht. Ahnte er, was Roona sagen würde?
»Soora ist am Leben!«
»Was?« Bullwaiss erbleichte, seine Armen fuhren auseinander, den Becher warf er weg. »Was redest du?«
Roona hob ihre Hand. »Warte, bis ich zu Ende gesprochen habe.« Sie strich sich über das Gesicht. »Soora lebt. Eynwor … sie und Soora und Rylaar hatten einen Plan.«
»Soora ist tot! Wie kannst du …« Bullwaiss flüsterte. Machte zwei Schritte nach vorn, eine Hand auf seinem wehen Herzen. Das Feuer loderte direkt unter seiner Haut, die Hitze im Zimmer nahm zu.
»Wir müssen aufbrechen, Vater. Soora braucht uns.« Roonas Worte waren leise. Schlicht. Trugen eine verheerende Botschaft.
»Komm.«
Ayyks Ruf verursachte mir eine Gänsehaut. Zum denkbar schlechtesten Zeitpunkt, dachte ich und verzog das Gesicht. Ich schnaufte, wollte mir über den Kopf streichen, verharrte aber mitten in der Bewegung. Etwas ging mich an, eine Ahnung, die unterschwellig dräute und sich in mein Herz schlich wie böses Gift. Die Luft hier drin war plötzlich von grimmiger Kälte.
»Warum sagst du … das erst jetzt?« Bullwaiss ging vor Roona auf ein Knie, legte seiner Tochter eine Hand ans Kinn. »Soora lebt?«
Roona nickte. »Eynwor … sie meinte, wir müssen den Winter abwarten. Wenn sich Hardland rüstet, im Frühjahr, wenn alles wieder beginnt, sollen wir uns auf den Weg machen.«
»Sagt wer?« Ich ruckte mit den Schultern, schluckte. Wieder ein Finger am Halsausschnitt. Meine Eiszeichnungen juckten und zogen. Ayyks Drängen wurde deutlicher. Ein Bild. Der Krallenturm.
»Jetzt!«
»Können wir das später besprechen?« Ich wandte mich schon zur Tür. Als ob die Worte von Roona nicht schon genug wären: Etwas stimmte nicht. Ayyk war selten so nachdrücklich.
»Du gehst? Jetzt?« Roona sah mir fassungslos hinterher.
»Ja, ich muss …«
»Eilt!«
Ich verließ mein Gemach. Den Flur hinab, die Treppe zur Halle hinunter, die von Leuten nur so wimmelte, dann die Tür zur Treppe, die hinaufführte auf den Krallenturm.
»Komm!«
»Ich bin auf dem Weg, mein Freund«, japste ich und eilte die Treppen im Inneren des Krallenturmes hinauf. Immer zwei Stufen auf einmal nehmend. Ich konnte nicht sagen, wann ich zuletzt diese unendlich scheinende Treppe hinaufgestiegen war. Bisher war ich allzeit von dort heruntergekommen. Wenn Ayyk und ich geflogen waren. Wenn ich noch immer das Pochen seines kalten Blutes unter meiner Hand spüren konnte, nachdem ich von seinem Rücken geglitten war.
In Gedanken bei Roona und ihrer unerwarteten Eröffnung lief ich hinauf. Soora lebte? Wenn das stimmte, wo war sie dann die letzten Winter gewesen? Was für ein Plan? Und das Überraschendste: Rylaar, Rouvens Sohn. Der meistgesuchte Mann Hardlands, gleich nach Simion Schwarzfeuer. Wenn auch aus anderen Beweggründen. Ich konnte mir keinen Reim darauf machen.
Die letzten zehn Stufen. Der Riegel der in den Boden eingelassenen Tür. Dann … Wind. Pfeifend und eisig kalt. Schnee, meine Essenz, wurde über den Stein getrieben, stäubend und kristallen. Ich schöpfte tief Atem, legte meine Hand auf mein schnell schlagendes Herz.
Schneegeborener.
Mein Lächeln erstarb, als ich Ayyk im Schneetreiben ausmachte. Er stand an der gegenüberliegenden Kante des Krallenturms. Die fedrige Mähne wehte und bauschte sich im Wind, unzählige Schneeflocken wirbelten und wehten davon. Den schwarzen Schnabel leicht geöffnet, als würde er die Luft schmecken. Sein Schwanz fuhr über den Boden, hinterließ mit dem Stoßeis kleine Schrammen. Ayyk schüttelte sich, breitete seine mächtigen Schwingen aus und das Eis an den Enden seiner Federn schimmerte trotz des trüben Tageslichtes schwarz auf.
Ayyk, Schneegeborener.
Dann kreischte er, die Pranken fest im Stein verankert, heftig und herausfordernd mit den Schwingen dem Wind trotzend. Als er seine Flügel wieder anlegte, sah ich die Frau.
Groß, weiß gewandet, das Haar wie Flechten aus Eis. Sie hob die Hand, berührte Ayyk jedoch nicht, hielt respektvoll inne, und sagte etwas, das ich nicht verstand.
Ich muss einen unartikulierten Ton von mir gegeben haben, denn die beiden drehten sich zu mir um. Ayyks stechender schwarzer Blick traf mich wie eine Faust– so hatte er mich noch selten angesehen. Meine Eiszeichnungen zogen sich zusammen, Raureif überzog mich am ganzen Leib. Ich japste, fuhr mir über mein Herz. Dieser Tag sollte ein glücklicher werden. Aber ein verstörendes Ereignis nach dem anderen ließ meine freudigen Erwartungen den Bach runtergehen.
»Josha Schneelicht.« Die Frau kam näher. Dabei bemerkte ich, dass sie barfuß lief, ihre Zehen blitzten unter ihrem Gewand hervor. Jeder ihrer Schritte knisterte, Reif folgte ihr wie ein eisiger Schatten.
Ich trat einen Schritt zurück und stieß an Ayyks Schulter, der mich umrundet und sich hinter mich gestellt hatte. Einen furchtbaren Augenblick war ich nicht sicher, ob zum Schutz, oder um mich von einer Flucht abzuhalten. So finster, wie er mich angeblickt hatte.
»Gefährte.«
Seine Stimme in meinem Kopf war von ruhiger Gewissheit und besänftigte meinen Aufruhr. Meine suchende Hand fand seine Kehle, ich spürte seinen Puls und für einen Moment konnte ich beruhigt die Augen schließen. Ich glaube, ich lächelte, als ich sie wieder öffnete.
»Du bist zu früh.« Meine Stimme war ruhig, alles an mir straffte sich. Vor mir stand Kanriaa, unser aller Göttin, und das machte mir ein wenig Hoffnung, dass nicht alles an diesem Tag verloren war.
»Zu früh?« Kanriaas eisigweißer Blick wirkte belustigt.
»Nun …« Ein kurzer Blick über die Schulter zu Ayyk. »Ich nehme an, dass du hier bist, um meine Bindung mit Kriia zu segnen.«
»Sicher«, Kanriaas Stimme war nüchtern. »Auch das.« Sie blickte Ayyk an mir vorbei in die Augen und ein tiefes Grollen, das seinen ganzen Leib durchbebte, war die Antwort.
»Was?« Meine Hand fiel herab. Ich trat einen Schritt zur Seite, um sowohl Kanriaa als auch Ayyk im Auge zu haben. »Was geht hier vor?«
Ayyk schnaubte, Schnee löste sich aufgescheucht aus seiner Mähne. Schwarze Krallen schabten trocken über den Stein.
»Schneegeborener.« Kanriaa seufzte ungeduldig. »Es ist … dein Schicksal, deine Bestimmung. Es gibt einen Grund, warum du der Schneegeborene bist.« Sie trat an den Rand des Krallenturms. »Die Zeit ist gekommen, Josha Schneelicht. Hardland steht am Rande einer neuen Zeit. Gut oder schlecht, das wird an dir liegen, Schneegeborener.«
Abrupt drehte sie sich zu uns um. »Sturm zieht auf, und wenn die Wogen sich glätten, Wind und Schnee sich verflüchtigen, wird der Verführer der Gesegneten, der Schänder meiner Gaben, Rouven Hardlicht, nicht mehr sein. Dieses Frühjahr wird das Ende von allem sehen, was ihn ausmacht.« Sie nickte in meine Richtung. »Seid bereit, ich werde euch rufen.«
Mit diesen Worten löste sie sich auf. Vom Wind weggetragen, ein Schauer von Eis. Lautlos und kalt.
Ayyk trat still hinter mich. Sein kalter Atem fuhr mir ins Genick.
»Deshalb.«